poetry slam graz„Poetry Slam ist schrill, knallbunt und poetisch. Pointenfeuerwerk, Gegenwartsdichtung und Stilblütenpracht“, definiert Poet Simon Cazzanelli das junge literarische Format, dem sich eine wachsende Community verschreibt. Die Regeln sind einfach und mitmachen kann, wer einen selbst verfassten Text darstellt – oder performt, wie es in der Szene heißt. Auswendig oder vom Blatt gelesen. Im Stehen, Sitzen, Liegen. Allein oder zu zweit. Erlaubt ist fast alles – rappen und jauchzen, brüllen, flüstern, seufzen. Hilfsmittel wie Kostüme und Requisiten sind allerdings tabu. Auch Gesang ist nur als kurzes Zitat gestattet, und wer die kurze Redezeit von meist fünf Minuten überzieht, verliert Punkte. Am Ende gewinnt, wer das Publikum überzeugt.

„Ein Poetry Slam schaut aufs Tempo und dauert doch meistens so lang wie eine Oper. Applaus und Scheitern liegen nah beieinander und zugleich erlebe ich die unmittelbare Reaktion des Publikums“, beschreibt ein Poet die Charakteristika des relativ jungen Formats, das Anfang der 1980er in Chicago entstanden ist und mittlerweile auch eine Community im deutschen Sprachraum hat. Bei den deutschen Meisterschaften im November wetteiferten hunderte DichterInnen und 10.000 BesucherInnen verfolgten den Wettstreit von den Vorrunden bis ins Finale.

Slam in Graz

Auch in Österreich wächst das Interesse, in fast allen Bundesländern gibt es Competitions, und die Steiermark hat in Graz und Leoben wichtige Knotenpunkte im Netzwerk etabliert.

Birgit Pölzl, verantwortlich für Literatur bei den Minoriten und Mentorin der Slam Poetry in Graz, erklärt sich das Interesse zum Teil mit dem kreativen Freiraum. „Da ist Lust und noch nichts kanonisiert. Die Texte sind knapp und klar, weil sie sofort verstanden werden müssen. Das Format hat mit mündlicher Tradition zu tun, es gibt lyrische Momente, Alliterationen etc.“Vor allem aber: „Das Level ist sehr hoch. Auf der Bühne und im Publikum.“ Neben dem lustvollen Erlebnis und der Nähe verbinde beide Seiten auch das gesellschaftspolitische Engagement.

Der Ö-Champ des Jahres kommt ebenfalls aus der Steiermark: Klaus Lederwasch. Moränen in Tränen, vorlaute Haie und ein Quastenflosser haben ihm die Gunst des Publikums und ein Ticket für die europäische Poetry-Slam-Competition in Antwerpen eingebracht. Seine tierischen Texte sind mittlerweile ein Markenzeichen geworden. Auch der Humor. Was ihn aber am meisten am Schreiben fasziniert, ist das Experiment mit Rhythmus, Lauten und Lautmalerei, das er für die fünfminütige Performance verdichtet. „Sprache ist mein Baukasten“, sagt er. Beim Schreiben beschäftigen ihn jedes Mal Konstruktionsmöglichkeiten und neue Geschichten für ein neues Publikum. Ein eigens verfasster Text für jeden Slam ist beinahe selbstverständlich.

Quasi nackt

„Wenn der Slam-Termin naht, kommt das Material automatisch“, bestätigt auch Simon Cazzanelli. Ein Poet, der das Handwerk von der Pike auf gelernt hat, weil sein Deutschlehrer die Schülerinnen und Schüler in Workshops mit dem Format vertraut gemacht und danach zum Wettstreit ermutigt hat. Das Risiko des Scheiterns erfordert von den Poetinnen und Poeten definitiv Mut. „Quasi nackt auf der Bühne“, beschreibt Cazzanelli die Situation. Wer mit seiner Geschichte, der Wortwahl, der Performance scheitert, könne die Schuld niemandem anderen zuschieben. „Man ernährt sich vom Applaus, aber man lernt auch vom Scheitern“, meint er.

Mit seinen Texten, die oft aktuelle Themen aufgreifen, mit Sprachspielen, die hinter die Bedeutung von Worten schauen und bizarre Kreationen zutage fördern, mit seiner Performance – auch im Duett mit Helena Schmidt – und als Veranstalter hat sich Cazzanelli einen Namen in der Szene gemacht. Seine Slams bringen mehr Publikum, als die Kombüse im Stadtpark fassen kann. Junge Leute, die – entgegen allen Prophezeiungen vom Untergang der Literatur im Internetzeitalter – einzig und allein wegen ansprechender, spannend vorgetragener Texte kommen und, der Slam-Regel „Respect the Poets“ entsprechend, Anerkennung für jene mitbringen, die sich der Wertung des Publikums stellen.

Erschienen in MEGAPHON, Grazer Straßenmagazin