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Top, aber nicht an der Spitze

30. Januar 2009 von np

Erschienen in Factory Woman

Frauen in Toppositionen sind Ausnahmeerscheinungen. Im naturwissenschaftlich-technischen Bereich besonders. Gendermanagement empfiehlt Alternativen, die lohnen.

 

 

Ihr Spezialgebiet ist süß. Der Zucker, den die Chemikerin Tanja Wrodnigg entwickelt hat, soll die Heilwirkung von Medikamenten gegen Stoffwechselerkrankungen künftig entscheidend verbessern soll. Die Anerkennung der Branche ist der Grazerin sicher. Was sie von ihrer beruflichen Zukunft bedauernswerter Weise nicht behaupten kann. Und das stimmt sie mehr als sauer. „Frustrierend und unbefriedigend“ beschreibt die exzellente Wissenschafterin den Status quo. „Momentan arbeite ich in einem Habilitandinnen-Projekt, das auf sechs Jahre befristet ist. Aber was dann? Diese Unsicherheit macht mir wirklich zu schaffen.“

 

 

Dabei hat alles so vielversprechend begonnen: Studium, Hertha-Firnberg- und Schrödinger-Stipendium, Dissertation, Teilzeit am Institut für Organische Chemie und während all dieser Zeit die Unterstützung durch einen wissenschaftlichen Mentor, was noch keine Selbstverständlichkeit ist, wie Praxis und Studien gleichermaßen bestätigen. Nun, da sich Wrodnigg als eine der wenigen Chemikerinnen an einer technischen Universität habilitiert hat, spürt sie, was es heißt an der gläsernen Decke angekommen zu sein.

 

Kraftvoller Start

 

„Studienaktiv“, äußerst mobil, wie die überdurchschnittliche Beteiligung an internationalen Austauschprogrammen zeigt, erreichen viele Studentinnen mit ausgezeichneten Bewertungen den ersten akademischen Abschluss. „Und dann wird’s tragisch“, bestätigt Kommunikationsexpertin Ute Riedler-Lindthaler die Situation. Beim wissenschaftlichen Personal liegt der Frauenanteil an der TU Wien beispielweise bei 17,3 Prozent, unter den Habilitierten bei 10 Prozent. In der außeruniversitären Forschung ist zwar Bewegung zu erkennen, insgesamt stagniert der Frauenanteil: Statt halbe-halbe, heißt es 20 zu 80.

 

 

Laut Genderbooklet 2007 bleibt nicht alles, aber vieles beim Alten: Je niedriger das Einkommen, umso höher der Frauenanteil, je höher die Position, desto niedriger der Frauenanteil in naturwissenschaftlich-technischer Forschung. Frauen in Spitzenpositionen zählen immer noch zu einer raren Spezies. Und was die Studie für den außeruniversitären Bereich zutage fördert, gilt auch für die Situation an Österreichs Universitäten.

 

Ernüchternde Zahlen, wie Forschungsstaatssekretärin Christa Kranzl in Alpbach anlässlich einer Diskussion über Innovation und Chancengleichheit zugeben musste.

 

In der Warteschleife

Wohin gehen die hochqualifizierten Technikerinnen? „Zum Teil bleiben sie auf der Karrierestufe des wissenschaftlichen Personals“, sagt Riedler-Lindthaler, die seit Jahren Forscherinnen in Fragen der Karriereplanung coacht. Von ihren Vorgesetzten geschätzt, weil sie sich durch ebenso hohe fachliche Kompetenz wie Bescheidenheit auszeichnen, werden die Wissenschafterinnen in freien Verträgen und Projekten jahrelang in der Schleife gehalten. Auch außerhalb ihrer Forschungsstätte bleiben sie meist unbemerkt, wie Riedler-Lindthaler aus ihrer Praxis weiß. Es kommt durchaus vor, dass die Leistungen der Wissenschafterinnen von männlichen Kollegen oder Vorgesetzten präsentiert und publiziert werden ohne, dass die eigentlichen Autorinnen Anspruch auf Urheberschaft anmelden.

 

 

„Viele Frauen in der naturwissenschaftlichen Forschung sind toll, aber man weiß nicht, dass sie da sind!“, analysiert die Expertin. In Coachings und Workshops weist Riedler Lindthaler die Teilnehmerinnen daher darauf hin, dass es neben der fachlichen Exzellenz mindestens ebenso auf Erfahrung in der Lehre, Führungs- und Managementkompetenz und Soft Skills ankommt. Präsentations- und Gesprächstechniken, Bewerbungstraining und eine auf den wissenschaftlichen Kontext ausgerichtete Strategieplanung zählen zum fixen Inventar der Workshops, die sie in den letzten Jahren für junge Wissenschafterinnen mitentwickelt hat.

 

Ein Angebot, das auf reges Interesse stoßt. Bei Forscherinnen, die an der Universität bleiben, wie für jene Mehrheit, die sich einen sicheren Arbeitsplatz in der Industrie suchen, weil seit der Universitätsreform befristete Dienstverhältnisse Mangelware sind.

 

Rüstzeug für die Tour de force

 

„Frauen müssen für den Markt besser gerüstet sein“, meint Mag. Daniela Stein vom Business Frauen Center Kärnten, das Frauen bei ihrer Karriere im Süden Österreichs fördert. Persönliches Engagement brauche allerdings veränderte Rahmenbedingungen, die den Bedürfnissen von hochqualifizierten Frauen und Männern gerecht werden. Als bewährtes Instrument nennt Stein Mentoringprogramme. Gerade erst sei ein internes Mentoring mit Infineon entwickelt worden, bei dem die Technikerinnen nachweislich von der Erfahrung ihrer Mentoren profitierten. Nach Abschluss des Projekts hat ein Drittel der Teilnehmerinnen beruflichen Aufstieg und damit auch finanziellen Gewinn erreicht.

 

Gendermanagement

 

Chancengleichheit an der Spitze setzt breiten Konsens an der gesellschaftlichen Basis voraus. Oder wie es Ingrid Schacherl vom Joanneum Research im Genderbooklet 2007 formuliert: „Für die nachhaltige Implementierung der Genderperspektive in Organisationen ist ihre institutionelle Verankerung von entscheidender Bedeutung.“ Der Weg zu tatsächlicher Chancengleichheit verläuft notwendigerweise über Gendermanagement.

 

 

Bereits jetzt stehen taugliche Instrumente dafür zur Verfügung. Chancengleichheit in Organisations- und Projektentwicklung, Kinderbetreuung und Fortbildung bringen den Beschäftigten Aufstiegschancen und größere Zufriedenheit. Den Unternehmen garantiert gendergerechtes Management jedenfalls klare Wettbewerbsvorteile, da „die Potenziale des vorhandenen Personals optimal genutzt werden können“.

 

Die FEMtech-Studie, die künftigen Initiativen wertvolle Daten über Bedürfnisse der Beschäftigten und Auswirkungen von Gender-Impulsen zur Verfügung stellt, zeigt auch das starke Engagement von Frauen. Tanja Wrodnigg ist sich ihrer Vorbildfunktion durchaus bewusst: „Nur: Wie kann ich junge Frauen für eine Karriere in der Technik motivieren, wenn mir selbst die Perspektive fehlt?“

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