Topografie der Erinnerung
27. Januar 2009 von np
Als exemplarischer Fall für den schwierigen Umgang mit einer lokalen Tätergeschichte kann die jahrelang ausgebliebene und nun nachgeholte Erinnerung an das Präbichl-Massaker gesehen werden.
Landschaften haben ihre Geschichte. Landauf, landab finden sich Tatorte, über die im Laufe der Zeit Gras wächst. Verletzte Strukturen im Untergrund hinterlassen dennoch unauslöschliche Narben, auch wenn sie oft nur aus der Entfernung wahrgenommen werden.
So geschehen am Präbichl. In der Wanderregion mit Selbstversorgerhütten, im „Winterwunderland“. Dort, wo am 7. April 1945 mehr als 250 Jüdinnen und Juden in einem der schlimmsten Massaker der steirischen Geschichte starben. ZwangsarbeiterInnen, die von Ungarn in die Oststeiermark transportiert worden waren, um Befestigungsarbeiten am „Südostwall“ zu verrichten.
Gräber und Gräben
Ende März, als sich die Niederlage unausweichlich abzeichnete, ordnete Heinrich Himmler die Evakuierung der Lager an, und die Kolonnen bewegten sich von Osten über Graz, Bruck und Leoben in Richtung Mauthausen. Eskortiert von Angehörigen des Volkssturms, Polizei, Gendarmerie und ukrainischer Waffen-SS folgten sie verschiedenen Routen, die sich nach dem Krieg anhand der später gefundenen Gräber rekonstruieren ließen. Viele der Opfer kamen aufgrund körperlicher Erschöpfung um, andere wurden kurzerhand als marschunfähig beurteilt und erschossen, liegen gelassen oder im nächsten Graben verscharrt.
„Eisenerz war Zeuge der nationalsozialistischen Massenschlächterei“ titelte das obersteirische Tagblatt am 1. Juni 1945, auch die Erhebungen im Zusammenhang mit den Todesmärschen setzten unmittelbar nach den Vorfällen ein. Als am 1. April 1946 der erste Eisenerzer Prozess begann, erfuhr eine breite Öffentlichkeit durch Print- und Tonmedien von Details des Todesmarsches, ebenso von den ZeugInnen,
die eine Woche lang über die Erschießungen aussagten. Die Berichterstattung verfolgte das Verfahren akribisch bis zur Verkündung der zehn Todesurteile und hielt bis zum letzten der insgesamt elf- Prozesse im November 1947 an.
Gelöschte Erinnerung
Angesichts der Fülle an dokumentierten Fakten scheint es unbegreiflich, dass das Massaker am Präbichl im öffentlichen Gedächtnis der Region nicht aufschien und es erst der behutsam angeleiteten Aufarbeitung bedurfte, ehe man den Toten im Vorjahr ein Mahnmal errichtete. Der Entwurf der fallenden Menschen stammt von HauptschülerInnen, auch die Drahtkörbe, die der Gedenkstätte als Sockel dienen, füllten die Jugendlichen eigenhändig mit Steinen vom Erzberg, als Erinnerung an die vergossenen Tränen.
Die Geschichte des neuen Symbols sei charakteristisch für die steirische Gedächtniskultur nach 1945, die zwar mit prominent positionierten Denkmälern an die Gefallenen der Zeit von 1938 bis ’45 erinnern, während Opfer aus den Reihen des Widerstands und der Verfolgten bis heute noch auf vergleichbare Symbole warten, meint die Historikerin Dr. Heidemarie Uhl. Die beiden Grazer Wissenschafter Mag. Heimo Halbrainer und Mag. Christian Ehetreiber, die selbst maßgeblich am Projekt mitwirkten, schildern in der eben erschienenen Dokumentation nicht nur Vorgeschichte und Verlauf des Projekts „Mahnmal Präbichl“, sie gehen gemeinsam mit anderen Autorinnen den in der Auseinandersetzung mit Terrorregimen immer wieder kehrenden drängenden Fragen nach und untersuchen Chancen und Grenzen von politischer Bildung.
Behutsame Aufklärung
„Sinnvollerweise“, so der Philosoph Peter Strasser vom Institut für Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie und Rechtsinformatik der Uni Graz, „sollten sich pädagogische und politische Modelle an den durchschnittlichen Menschen richten, um Gewaltbereitschaft nicht zu enthemmen.“
Die Täter am Präbichl rekrutierten sich nicht aus Spezialeinheiten, sondern aus dem Volkssturm, dessen Feindbild den von der nationalsozialistischen Propaganda wiederholten negativen kollektiven Metaphern entsprach. Die dadurch provozierte Deindividualisierung des Gegenübers ist ein Erklärungsmodell für jene Gewaltbereitschaft, die die Männer wahllos in die Masse der ihrer Würde beraubten Jüdinnen und Juden feuern ließ. Dass Strategien und Mechanismen, die auf kollektive Entwürdigung zielen, keineswegs der Vergangenheit angehören, zeigen die im Irakkrieg gebrauchten herabwürdigenden Klischees ebenso wie die Verunglimpfung von Randgruppen in der innenpolitischen Diskussion. Aber auch die in der Eisenerzer Gegend bezeugten Fälle von Zivilcourage können insbesondere Jugendlichen an positive Orientierungsmuster dienen, wenngleich Strasser zu bedenken gibt, dass Mut und Zivilcourage vor dem Hintergrund aus Dehumanisierung und Autorität nicht den Normalfall einer Reaktion darstellen.
