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Königin mit Rädern untendran

27. Januar 2009 von np

Erschienen in Ceiberweiber

Wenn Frau Inge ins Haus kommt, gibt es jedes Mal Theater. Versprochen. Das „artemis generationentheater“ tourt mit seiner Produktion durch Kärntner Altenheime.

 

 

„Unten in Ferlach war ich die Jägerbraut,“ erinnert sich die alte Dame an ihre Paraderolle. Frau Anni schwärmt, als wäre ihr Auftrittsapplaus eben erst verebbt. „War das eine Hetz!“ schmunzelt sie, lehnt sich im Rollstuhl zurück und sieht dem Auftritt ihrer jüngeren Kollegin gespannt entgegen. Als die Heldin im geblümten Hausschürzenkleid sich schließlich umständlich mit ihren Putzutensilien in den Saal des Viktringer Altenheims gezwängt hat, ist sie dann ganz Aug und Ohr.

 

 

„Königin mit Rädern untendran“ heißt das Ein-Frau-Stück, das nach aufwendiger Recherche von Wissenschafterinnen des „artemis generationentheater“ entstanden ist. „In den vergangenen Monaten untersuchten wir die kulturellen Aktivitäten in Kärntner Altenheimen,“ beschreibt die Kulturwissenschafterin Gerti Malle das Thema ihrer Arbeit. „Dabei fanden wir eine Interpretation von Kultur, die meist auf Geburtstagsfeiern, Jubiläen und Feste im Jahreslauf beschränkt ist.“

Ein verzerrtes Bild, das es zu korrigieren gilt, befanden die Mitarbeiterinnen des ersten österreichischen Generationentheaters, das seit sechs Jahren Kunst und Kultur von, mit und für ältere Menschen – vorrangig für ältere Frauen -, produziert und vermittelt.

 

 

„Wir wollen zeigen, dass Theater zur Lebensrealität der alten Menschen passt und ihre Lebensqualität im Heim erhöht,“ präzisiert die künstlerische Leiterin Ingrid Türk-Chlapek die Grundidee ihrer Pionierarbeit. Gemeinsam mit Helga Hutter, die bei der neuen Produktion Regie führt, schrieb sie eine Geschichte, die in Kärntner Altenheimen gezeigt wird. „Wir wollten unserem Publikum Anknüpfungspunkte bieten, daher haben wir Momente aus ihrer Welt in das Stück eingebaut und eine Figur gesucht, die den älteren Menschen auch in ihrem Alltag begegnet.“ Die putzende Heldin unterhält sich mit ihrer Umgebung wie die real existierenden Kolleginnen, die „als wichtige Bezugspersonen der Klientel im Altenheim mitarbeiten“, gibt Bettina Eckert, Leiterin des SeneCura Hauses, der Intention von artemis recht.

 

 

„Näher am Menschen“, das Motto des Viktringer Heimes gilt ebenso für das Kärntner Frauenprojekt, das seine Heldin zum Publikum schickt. Eine liebenswürdige Person, die – das ist spürbar – hohe Sympathiewerte mitbringt. Auch weil sie den Besen im Takt zu Schlagern von anno dazumal schwingt und dabei gut gelaunt vor sich hin trällert. Es versteht sich von selbst, dass gleich ein vielstimmiger Hintergrundchor mitsummt. Frau Inge kann ihrer Arbeit durchaus angenehme Seiten abgewinnen, mehr noch, sie macht eine Wissenschaft daraus. So gönnen die alten Herrschaften der umtriebigen Person auch ihre Pause und zeigen Verständnis, wenn sie auf ihrem Putzwagen thronend verschnauft und das kleine Glück, ein Stück Kuchen, genießt. Eine Königin mit Rädern untendran.

 

 

Wer hin und wieder auf Besuch im Altenheim ist, muss gestehen, dass das Rollenspiel überzeugend gestaltet ist. Noch realistischer wird die Szene, als durch einen dramatischen Griff aus Mob und Mistschaufel, Schuhen und einem alten Spitzenkleid mit einem Mal eine Figur auf dem Putzmitteltaxi thront: Frau Elisabeth genannt, sitzt da plötzlich ein Wesen, das den alten Herrschaften ringsum im Saal erstaunlich ähnelt. Der stumme Gast bewegt sich kaum und lebt doch, wie aus dem Gespräch zu erfahren ist, das die Reinigungskraft anbahnt. Frau Inge erkundigt sich nach dem Befinden, sinniert über die Vergangenheit und kreiert so eine Beziehung zwischen Frauen zweier Generationen. Wie realistisch, das zeigt sich am Beispiel einer Zuseherin, die der Aufregung nicht mehr gewachsen ist und aus dem Saal begleitet wird.

 

 

„Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich ein Theaterstück gesehen und kann es doch nicht bis zum Ende mitverfolgen,“ jammert sie im Hinausgehen. Kraftraubend für die einen, willkommene Abwechslung für die anderen. Frau Anni schüttelt noch lange nach Ende der Vorstellung schmunzelnd den Kopf: „So eine Hetz!“

„Die meisten Reaktionen werden wir erst in den nächsten Tagen erfahren“, ist sich Bettina Eckert gewiss. Und noch ehe diese Rückmeldungen gesammelt und wissenschaftlich ausgewertet sind, zeigt sich die Heimleiterin überzeugt, dass mit dem Projekt ein wichtiger Ansatz in der Altenbetreuung geschaffen wurde.

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