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Frauenleben in Männerwelten

27. Januar 2009 von np

Vom Leben der Frauen, die ihre Selbständigkeit auf dem sprichwörtlichen Nichts errichteten. Von jenen, die in und mit den Trümmern überlebten. Die Geschichte der steirischen Frauen in der Nachkriegszeit.

 

 

Und dann hats regnan angefangen und auf amal hör ma rufen: Martha, Martha. Und jetzt, denk i, Teufel, des ist ja mein Mann… und so bin i obigrennt. Und dann war der Krieg aus.” Für Martha H. war der Krieg nicht am 8. Mai 1945 zu Ende, sondern erst als ihr Mann nach Hause gekommen war, Monate später.

Während das offizielle Ende des nationalsozialistischen Regimes längst zigmal notiert wurde, blieb das für diese “Frau aus dem Volk” maßgebliche Schlüsselerlebnis in der Geschichtsbetrachtung bislang unberücksichtigt, ebenso wenig fragte die Wissenschaft nach den Ursachen und den Folgen dieser subjektiv wahrgenommenen zeitlichen Verschiebung. In ihrer mit dem Erzherzog-Johann-Forschungspreis ausgezeichneten Habilitationsschrift hat die Grazer Historikerin Karin Schmidlechner-Lienhart den Versuch unternommen, dieses Defizit für den steirischen Raum zu beseitigen. “Frauenleben in Männerwelten” versteht sich als “Beitrag zur Geschichte der steirischen Frauen in der Nachkriegszeit” und beinhaltet eine Zusammenschau der Zeit von 1945 – 51, die sowohl durch schriftliche Quellen als auch mündlich tradierte Erinnerungen steirischer Frauen rekonstruiert wird.

 

Auf die Außensicht der Dinge läßt Schmidlechner-Lienhart in den einzelnen Kapiteln der Arbeit gleichsam Ansichten auf die Innenseite des Lebens in der Nachkriegszeit folgen. Keineswegs Abfallprodukt dieser Methode ist die Offenlegung der Diskrepanz zwischen den schriftlichen Quellen und den Wahrnehmungen der Frauen. Denn mitunter, so die Zeithistorikerin, die den Schwerpunkt ihrer Betrachtungen auf den frauenspezifischen Aspekt und in weiterer Folge auf die Thematik der Geschlechterbeziehung legt, entsteht der Eindruck, dass das schriftliche Material mit der mündlichen Erinnerung und Überlieferung nichts zu tun habe.

 

Wie’s wirklich war

 

Über die damalige Ernährungssituation fanden sich beispielsweise zahlreiche Unterlagen. Die Gespräche mit den Frauen ergaben jedoch ein von den schriftlichen Aufzeichnungen abweichendes Bild: Vor allem ältere Frauen, die bereits im Ersten Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit mit sehr schlechten Ernährungsbedingungen zu kämpfen hatten, bewerteten die Lebensmittelversorgung nach dem Krieg ganz anders als jüngere Frauen. Gerade diese Unterschiede interessieren die Historikerin, weil sich daraus in weiterer Folge die Frage stellt, warum sich Frauen an dieses oder jenes Ereignis stark oder auch gar nicht erinnern. Und dieser subjektive Standpunkt, den man der Oral History zum Vorwurf gemacht hat, steht im Brennpunkt des wissenschaftlichen Interesses. Schmidlechner – Lienhart weist weiters auf die latente Subjektivität schriftlicher Quellen, welche die Wissenschaftskritik längst nicht mehr bestreitet.

 

Alltagsprobleme

 

Auf schriftlichen Quellen basieren die allgemeinen Erläuterungen zur österreichischen und steirischen Lage anno dazumal, und sie sind notwendige Kontextbeschreibung, weil nur dadurch eine annähernde Rekonstruktion der Befindlichkeit gelingen kann. Dies zeigt sich beispielsweise an einem Kapitel, das von der nahezu epidemischen Verbreitung von Geschlechtskrankheiten sowie den damit verbundenen Problemen der medizinischen Versorgung bis hin zum Beziehungsleben handelt. Angesichts der Zahl der Erkrankten ist es kaum vorstellbar, dass diese Nachkriegsbegleiterscheinung fast in Vergessenheit geraten konnte.

 

Auslandsträume

 

In Vergessenheit gerieten aber auch die Auswanderungspläne vieler junger Steirerinnen, die in Anbetracht der verheerenden Wirtschaftslage nach Perspektiven suchten. Viele versuchten ihr Glück tatsächlich in der Schweiz, in Holland oder England. Andere ließen aus Rücksicht auf Verwandte, Partner oder aufgrund von Sprachschwierigkeiten von ihrem Vorhaben ab.

Die Untersuchung berichtet u. a. von spektakulären Aktionen von Frauen zur Verbesserung der Ernährungslage, als im Sommer und Herbst 1946 auch Steirerinnen zu Demonstrationen auf die Straße gingen. Denn als Politik zur “Magenfrage” wurde, die Versorgung schlecht funktionierte und Hilfslieferungen – etwa die “Schweizer Spende” – nur die gröbste Not linderten, meldeten sich die Frauen, deren Ernährungssituation besonders schlecht war – nicht zuletzt deshalb, weil sie die eigenen Rationen meist teilen mußten – laut-stark zu Wort.

 

Beziehungsweise

 

Der informative Gewinn der Oral History zeigt sich besonders bei Themen, die das Beziehungsleben der Nachkriegsgeneration einschließen. So wurden etwa die Statistiken, die nach dem Ende des zweiten Weltkrieges eine österreichweite Scheidungswelle vermerkten, durch Erzählungen aus der nächsten Umgebung der Betroffenen illustriert. Die Schilderungen erhellen ebenso, daß mit dem an und für sich positiv konnotierten Begriff der “Heimkehr” nur selten ein Moment harmonischen Zusammenfindens verbunden war.

 

Es ist ein spannender Zeitabschnitt, den die Grazer Historikerin behandelt, in dem Frauen Stärke beweisen und kraftraubende Leistungen für das Gemeinwohl erbringen. Eine Zeit des Wandels in der Rollenteilung der Geschlechter.

Als sich die Dinge wieder ordneten, gaben die Frauen, so das Resümee der Untersuchung, ihren Freiraum weitgehend auf. Die gewonnene Unabhängigkeit setzten sie beinahe ausschließlich im privaten Bereich um, in ihrer Partnerschaft und in der Erziehung ihrer Töchter, denen sie vor allem (Aus-) Bildung als probates Mittel zur weiblichen Selbständigkeit empfahlen und auch ermöglichten.

 

 

 

 

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