Im Schatten der Kirchengeschichte
27. Januar 2009 von np
Die Leistungen von Frauen werden in der kirchlichen Überlieferung meist Männern zugeschrieben. Bis jetzt.
Wer suchet, der findet. Oder besser: Diejenige, die sucht, findet. Im konkreten Fall sei vom Neuland geschlechtsneutraler Betrachtungsweisen der Kirchengeschichte die Rede. Denn während feministische Theoretikerinnen anderer Disziplinen sich bereits in die „verdiente Pension“ begeben, leisten Kirchenhistorikerinnen wie Prof. Michaela Kronthaler noch Pionierarbeit. Auf Standardwerke, die weibliches Wirken in der Vergangenheit aufzeigen, konnte sie im Zuge ihrer Darstellung „Prägender Frauen der steirischen Kirchengeschichte“ nicht zurückgreifen.
„Zahlreiche Frauen wurden und werden verkannt, ihr tatsächliches Engagement bleibt verschwiegen, sie werden unter vielen Vorwänden und Ausreden in ein Schatten-Dasein gedrängt“, lautet Kronthalers Befund. „Das Schweigen über die Frauen steht in einem deutlichen Missverhältnis zu dem, wie die männlichen Gestalter der Geschichte repräsentiert werden.“ Perspektivenwechsel ist angesagt.
„Die Frauenfrage als treibende Kraft“ betitelte sich bereits Kronthalers Dissertation über Hildegard Burjan. Damals zeigte sie am Beispiel der Sozialreformerin und Politikerin das Ringen der Frauen im katholischen Umfeld um ein neues Sozialverständnis in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Burjans Leben ist in diesem Zusammenhang nicht nur aufgrund der Tatsache interessant, dass eine intellektuell herausragende Frau sozialpolitisch wirksame Besserstellungen für einfachere soziale Schichten durchgesetzt hat. Ihr Schicksal ist typisch weiblich: Sie blieb im Hintergrund, bis ihre rege Korrespondenz mit Ignaz Seipel im Zuge der Seipel-Forschung wissenschaftliche Neugier geweckt hat.
Schatten-Dasein
Erst die Nähe zu einem bedeutenden Mann verhilft der weiblichen Biographie zu gebührender Akzeptanz. Dieses Schicksal teilt die erste christlich-soziale Parlamentarierin mit vielen christlich motivierten Künstlerinnen, Ordensschwestern, Politikerinnen – kurz: Frauen vor und nach ihr.
Von Amts wegen gelten Bischöfe, Adelige, Kaiser als die generösen Stifter vieler Ordenshäuser. Tatsächlich war es Pfalzgräfin Adala, die um das Jahr 1000 das älteste Kloster auf steirischem Boden, das Kanonissen- bzw. Chorfrauenstift Göss bei Leoben gegründet hat.
Und auch das erste steirische Männerstift in Admont verdankt seine Entstehung der Spende einer Frau, Hemma von Gurk. In der Nähe dieses Männerklosters wohnten vermutlich in separaten Zellen „fromme Jungfrauen, die häufig zu Gesprächen aufgesucht wurden“. Weil der Abt um die geistliche Disziplin fürchtete, siedelte er die Frauen in einem eigenen Klostergebäude an. Nach dem Vorbild von Monte Cassino gab es im Mittelalter viele solcher Frauenkonvente im „Schatten“ von Männerklöstern. Jurisdiktion und Disziplin oblagen dem Abt oder Propst, er verwaltete auch die Güter der geistlichen Damen, regelte die Statuten und setzte die Priorin ein. Trotz lokaler und rechtlicher Einschränkungen erlangten die Nonnen durch ihre hohe Bildung und Reformbegabung grenzüberschreitende Wertschätzung. Die Chronik berichtet von einer Reihe schreib- und lateinkundiger Nonnen, die in der Bibelexegese geübt waren. Auch der älteste und prächtigste Kodex mit der Benediktusregel in Admont stammt von den Kalligraphikerinnen des Konvents.
Sacré Coeur in Graz
Der Ausbau des Bildungsbereichs war seit jeher Anliegen und Domäne von Frauen. So basierte die Errichtung des Sacré Coeur-Instituts in Graz höchstwahrscheinlich auf einer Anregung von Franziska Möstl. Sie war es jedenfalls, die zu diesem Zweck ein Haus kaufte und ihr gesamtes Vermögen dem Fürstbischof überließ. Neben den höheren Töchtern, die im angesehenen Pensionat erzogen wurden, erhielten auch ärmere Kinder unentgeltlichen Unterricht in einem eigenen Schullokal. Reformwillen bewies der Konvent auch in der späteren Schulgeschichte: 1932 errichtete er die erste achtklassige Frauenoberschule der Steiermark.
Frauen und Frauenorden initiierten Schulen für bedürftige Kinder aller Altersstufen. Sie errichteten Krankenhäuser und verrichteten unentgeltliche Krankenpflege. Lebensnotwendige Sozialleistungen wurden in den vergangenen 150 Jahren in vermehrtem Maße auch von Laien ermöglicht. Im Revolutionsjahr 1848 starteten zwei Grazerinnen mit der Gründung des „Katholischen Frauenvereins der werktätigen christlichen Liebe“ ein engagiertes Caritas-Modell: Ohne Unterschied der Religion und des Geschlechtes sollten Kinder Bildung und Erziehung, in Not geratene Frauen und Mädchen Unterstützung erhalten. In einem Dienstmädchenasyl fanden weibliche Dienstboten während der Zeit ihrer Arbeitslosigkeit Aufenthalt, Verpflegung und Weiterbildung.
Dienstbotinnen-Rechte
Mit der Einführung eines Dienstvertrages sicherte eine Steirerin den Dienstbotinnen – um die Jahrhundertwende die größte Schicht weiblicher Berufstätiger – wichtige Rechte. Auf Initiative von Johanna Weiß entstanden auch eine Stellenvermittlung, ein Altersheim, eine Krankenkasse sowie mehrere Heime für Arbeitslose. Die Notwendigkeit der gesetzlichen Verankerung der Sozialversicherung und der staatlichen Familienförderung hat die Grazerin Sophie von Scherer mehr als 100 Jahre vor deren Einführung erkannt. Damit hatte sie zumindest posthum mehr Erfolg als mit den kirchenpolitischen Reformvorschlägen, die sie öffentlich deponierte. In einem offenen Schreiben an die erste Deutsche Bischofskonferenz 1848 in Würzburg sprach sie sich für die Einführung der Landessprache im Gottesdienst und die Aufhebung des Zölibats aus, damit die „Kluft“ zwischen Priestern und Weltleuten überwunden werde.
Frauen in der Mehrheit
Durch die Neuerungen des Vatikanischen Konzils mit seiner Aufwertung des Laienstandes hat sich das Betätigungsfeld der Frauen in der steirischen Kirche massiv ausgeweitet. Der Frauenanteil in den Pfarrgemeinderäten liegt zurzeit über 50 Prozent, im Religionsunterricht stellen die Lehrerinnen mit 61Porzent die Mehrheit, und auch die Zahl der inskribierten Studienanfängerinnen in Theologie liegt bereits jenseits der 50 Porzent Marke.
Nur an der Spitze wird die Luft auch bei den Laien recht dünn. 1993 habilitierte sich mit der Ausseerin Irmtraud Fischer erstmals eine Theologin in Österreich; mittlerweile ist sie dem Ruf nach Bonn gefolgt, wo sie den Lehrstuhl für Frauenforschung und Altes Testament inne hat. Bleiben der Grazer Fakultät noch zwei Professorinnen: Anne Jensen am Institut für Ökumenische Theologie und Patrologie und die erste Kirchenhistorikerin Österreichs, Michaela Kronthaler.
Wie hat doch die reformfreudige Sophie von Scherer einst geseufzt: „Ich bin um 100 Jahre zu früh geboren.“
