Christine Touaillon – Wissenschafterin aus Passion
27. Januar 2009 von np
Christine Touaillon (1878 – 1928) ist die erste habilitierte Germanistin Österreichs. In Graz wurde ihr die Venia verweigert. Übrigens von derselben Fakultät, an der ihre Großnichte als Seniorin studiert hat.
Ihre Erinnerungen an die Großtante stammen aus zweiter Hand: Fotos von einer schmalen, jungen Frau mit dem strengen, für die kleine Ilse etwas unheimlichen Blick und Erzählungen von Onkel Heinrich, der mit Hochachtung von seiner früh verstorbenen Gattin, Christine Touaillon, sprach. “Die zwei verstanden sich wohl so gut, weil beide für die Wissenschaften lebten”, meint die Grazer Großnichte Ilse Toriser über den gemeinsamen Nenner dieser für die Wende zum 20. Jahrhundert ungewöhnlichen Beziehung. In der Öffentlichkeit als Jurist bekannt, musizierte und komponierte Heinrich Touaillon zu Hause, zunächst in Graz und Vorau, später in Schloss Stainz, wo das Paar mehrere Zimmer bewohnte. Dort sammelte der Musiker die verschiedensten Instrumente und brachte dem kleinen Mädchen Ilse das Klavierspiel bei.
Von einem Raum aber schwärmt die Großnichte des Hauses Touaillon noch heute: “Die Bibliothek, die größte Privatsammlung der damaligen Zeit. In manchen Büchern fanden sich Widmungen der AutorInnen, etwa von Morgenstern. Die Tante hat viele berühmte SchiftstellerInnen persönlich gekannt.”
Dort, wo sie selbst sich gern aufhielt, wenn sie in Stainz zu Besuch war, fand sich tatsächlich das Zentrum der Interessen des Wissenschafterpaars. Von einem Faible für Bücher zu sprechen, wäre untertrieben. Schon als Kind hatte sich Christine Touaillon “leidenschaftlich gewünscht, Literatur zu studieren”, wie sie später schrieb. Die Affinität zu Texten hatte ihr wohl der Vater mitgegeben, ein Offizier, der als Schriftsteller tätig war und belletristische Anthologien herausgab. Dennoch dauerte es Jahre, ehe sie selbst ihren Platz in der Literaturwissenschaft erobern konnte.
1878 im mährischen Iglau geboren, besuchte die Tochter des späteren k.u.k.-Generalmajors Leopold Auspitz und seiner Gattin Henriette die Volks- und Bürgerschule in St. Pölten. Nach der höheren Töchterschule wurde sie an der Lehrerinnenbildungsanstalt des k.u.k.-Zivilmädchenpensionates ausgebildet und erwarb dort 1897 die Befugnis zum Unterricht an öffentlichen Volksschulen. Im selben Jahr, als eine Verordnung des Kultus- und Unterrichtsministeriums Frauen den Zugang zur Universität zumindest teilweise gestattete.
Schreiben aus der Provinz
Neben ihrer Unterrichtstätigkeit inskribierte Christine Auspitz im Wintersemester 1897/98 als außerordentliche Hörerin das Studium der Germanistik. Weil es damals aber keine Mädchengymnasien mit Maturaabschluss samt Universitätsreife gab, nahm sie Privatunterricht und holte sich den Abschluss durch die externe Maturaprüfung an einem Salzburger Knabengymnasium im Jahr 1902.
Als sie drei Jahre später zur Doktor(in) der Philosophie promovierte, hieß sie bereits Christine Touaillon und war von Wien zu ihrem Mann, einem Notar, nach Vorau gezogen. “Er war ihr ein idealer Partner und erkannte sehr früh das Talent und die Stärken seiner Frau”, erzählt Ilse Toriser. Tatsächlich hielt die Germanistin an ihrem Wiener Netzwerk fest und lieferte aus der “Provinz” Beiträge für Zeitschriften wie “Wissen für Alle”. Zusammen mit Auguste und Emil Fickert fungierte sie als Herausgeberin und Autorin der ersten feministischen Wiener Zeitschrift des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins, das “Neue Frauenleben”.
Die Aufsätze behandelten SchriftstellerInnen wie Gerhard Hauptmann oder Selma Lagerlöf, ebenso soziopolitische Themen – “Die Frau im Dienste der Kunsterziehung” oder “Frauenstimmrecht und Klerikalismus” – und immer wieder Überlegungen der Literaturwissenschafterin zu ihren Spezialbereichen: “Von neuen Frauenbüchern” und “Von den Anfängen unserer Kinderliteratur”.
Selbst kinderlos beschäftigte sich Touaillon als erste im deutschen Sprachraum wissenschaftlich mit Kinderliteratur. Für die Kleinen, die im Sommer in ihr Haus kamen, schrieb sie Geschichten, die sie mit Aquarellen, Bleistift und Tusche bebilderte. “Murillos Abenteuer” hieß der 1919 aufgelegte Bestseller, der Kindern und Erwachsenen nicht nur ein liebenswürdiges Katzenmärchen erzählte, sondern auch Einblick in Haus und Garten von “Tante Christine”, “Onkel Heinrich” und ihrem tatsächlich sehr geschätzten Katzentier gewährte. Im Original, das die Großnichte aufbewahrt, beeindruckt überdies die regelmäßige feine Kurrentschrift.
Papier gegen Schweinebauch
1919 war für Christine Touaillon vor allem deshalb ein entscheidendes Jahr, weil ihre Gesamtdarstellung des deutschen Frauenromans des 18. Jahrhunderts im Verlag Wilhelm Braumüller erschien. Seit sie 1910 nach Stainz und damit in die Nähe der großen Bibliotheken gezogen war, hatte sie sich diesem neuen Thema, für das es weder Vorbilder noch Vorarbeiten gab, gewidmet und im Laufe der Jahre unzählige Bibliotheken im deutschen Sprachraum aufgesucht. Die Situation der Nachkriegszeit hätte die Drucklegung der 664 Seiten umfassenden Arbeit, mit der sich die Germanistin an der Grazer Universität habilitieren wollte, beinahe verhindert. Doch mit Hilfe eines Freundes gelang es ihr, die notwendigen 2200 Kilogramm Papier aufzutreiben; im Tausch gegen 300 Kilo Schweinebauch. Im Juli 1919 reichte Christine Touaillon schließlich ihr Gesuch zur Erlangung der Venia Legendi ein – und scheiterte an einem Kollegium, das ausschließlich aus Männern zusammengesetzt war.
Ein Veto, das keineswegs die fachliche Qualifikation beanstandete, vielmehr wurden Bedenken protokolliert, “ob Frauen überhaupt im Stande sind, auf junge Männer von 18 bis 25 Jahren, in dem bestimmte spezifisch männliche Eigenschaften am stärksten hervortreten, den erforderlichen persönlichen pädagogischen Einfluss zu nehmen”.
Das Wiener Kollegium sah die Lage anders: Christine Touaillon wurde 1920 als Privatdozentin für neuere deutsche Literatur und damit als erste Germanistin in Österreich habilitiert.
In den darauf folgenden Jahren hielt sie Vorlesungen an der Universität Wien, aber auch vor nicht akademischem Publikum im Wiener Verein “Volksheim” und an der Grazer Urania, das sie ebenso mit Kapiteln aus der deutschen Literaturgeschichte vertraut machte. “Im Sinne lebenslangen Lernens”, meint Ilse Toriser, die sich dem Thema übrigens selbst verpflichtet fühlt: Nach zwei Diplomen studierte die 73-jährige Grazerin Philosophie. Von der bedeutsamen wissenschaftlichen Publikation ihrer Großtante besaß die umtriebige Dame übrigens ein handsigniertes Exemplar, das sie kürzlich UB-Direktorin Dr. Sigrid Reinitzer überreichte. Das wertvolle Geschenk wird in der Abteilung für Sondersammlungen aufbewahrt.
