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Hitlers Theologie

25. Januar 2009 von np

Erschienen in Unizeit

Der Theologe Rainer Bucher hat die religiösen Konstruktionen in den Texten und Ansprachen von Adolf Hitler untersucht.

 

 

Gibt es tatsächlich einen theologisch relevanten Konnex zwischen göttlicher Allmacht und Hitlers Politik? „Vorausgesetzt der Begriff Theologie definiert nicht ausschließlich den christlichen und wissenschaftlichen Diskurs über Gott, sondern wortwörtlich alles Reden über Gott und seine Folgen“, meint der Grazer Pastoraltheologe Rainer Bucher. Er hat den Versuch unternommen, theologische Kategorien aus Hitlers Gesprächen, Reden und Texten herauszufiltern.

 

 

Woran Hitler selbst glaubte, lässt sich nur vermuten. Hinweise auf seine persönliche Religion finden sich so gut wie nicht. Was sich wohl durch die Dialogunfähigkeit des Mannes erklären lässt, – die im wörtlichen Sinne stundenlange Monologe des “Führers“ sind Legende. Ein weiterer Grund ist die Tatsache, dass es in der nationalsozialistischen Führungsspitze keine einheitliche Position zu theologischen Fragen gab: Während Heinrich Himmler und andere eine germanisch-völkische Religiosität forcierten, zeigten sich manche TechnokratInnen und PragmatikerInnen wenig interessiert an der Materie.

 

Schöpfungslegende

 

Richtigerweise kann man also nicht von einer nationalsozialistischen Theologie sprechen, sondern dezidiert von einer Schöpfung Hitlers, deren Urheberschaft er auch entschieden für sich reklamierte.

 

Und mehr als das. In „Mein Kampf“ charakterisiert der Autor seine eigene Aufgabe: Es müsse eben „aus dem Heer von oft Millionen Menschen, die im einzelnen mehr oder weniger klar und bestimmt diese Wahrheiten ahnen,(…) einer hervortreten, um mit apodiktischer Kraft aus der schwankenden Vorstellungswelt der breiten Masse granitene Grundsätze zu formen und so lange den Kampf für ihre alleinige Richtigkeit aufzunehmen, bis sich aus dem Wellenspiel einer freien Gedankenwelt ein eherner Fels einheitlicher glaubens- und willensmäßiger Verbundenheit erhebt.“

 

Hitlers theologische Konstruktion basiert auf seiner Überzeugung, dass Gott dem deutschen Volk eine Weltherrschaft zugesprochen habe, die er selbst durchsetzen müsse. Erkennbar sei die von Gott gewollte Ordnung an den in der Schöpfung begründeten Kultur- und Rassenunterschieden, die vom Menschen missachtet und mit Hitlers Hilfe wieder werden sollten. Sein Credo: „Indem ich mich des Juden erwehre, vollbringe ich das Werk des Herrn.“

 

Fatale Positionierung

 

Wer gegen „die aus der Natur herauslesbare Ordnung“ verstößt, verstößt nach Ansicht Hitlers gegen Gott. Eine zutiefst anti-universalistische Konzeption, die strikt gegen christlich-jüdisches Denken steht, wo Gott den Menschen erschaffen hat und die Aufgabe der AnhängerInnen darin besteht, die gleiche Würde ebenso wie die gleiche Erlösungsbedürftigkeit aller Menschen als Glaubensinhalt festzuhalten. Als Perversion dieser Tradition definierte Hitler die zur Weltherrschaft ausersehene arische Rasse als Volk der Auserwählten.

 

Fatal ist dies auch deshalb, weil sich der Diktator selbst, dem Darwinismus folgend, an der Spitze naturwissenschaftlicher Erkenntnis und somit als hochmodernen Menschen begriff, mehr noch, als Sprachrohr einer Ideologie, in der er die intelligenteste Form von Wissenschaft und fortschrittlichste Prägung von Religion vereinigt sah.

 

Hitlers Beharren auf dieser Konzeption bis zum Schluss, selbst noch angesichts der katastrophalen Realität im Frühjahr 1945, zeigt das Ausmaß seines fanatischen Glaubens. Bucher kommt zum Schluss, dass der theologische Diskurs jedenfalls Hitlers Handeln leitete und sowohl die Vernichtung des europäischen Judentums als auch die Kriegsführung erklärt.

 

Mehr als Floskeln

 

Eine zusammenfassende Darstellung Hitlers von seinem eigenen theologischen Konzept gibt es nicht. Beim Durchforsten der Texte, Parteitagsreden oder Radioansprachen fand der Grazer Pastoraltheologe jedoch durchgehend Hinweise, denen er „theoretischen Systemstellenwert“ beimisst. Mit dieser Position wendet sich Bucher gegen die herrschende wissenschaftliche Meinung, welche die einschlägigen Äußerungen als religiöse Chiffren, rhetorische Sprachformen, als Floskeln und Überredungsgestus für ein damals noch sehr christlich geprägtes Volk interpretiert.

 

Gottesbegriff

 

Tatsächlich lassen sich, wie der Wissenschafter nachweist, von den Anfängen bis zum Schluss zentrale theologische Kategorien feststellen: Vorsehung, Gott und Glaube. Begriffe, denen iin Hitlers Konstruktion klare Funktionen zukommen, weil sie die drei Zeit-Dimensionen menschlicher Existenz – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – einschließen. Die Vorsehung – in nahezu jeder öffentlichen Rede seit 1933 angesprochen – dient dem Projekt als zentrale geschichtstheologische Legitimation. Mit Hilfe des Gottesbegriffs totalisiert Hitler seine rassistische Politik, und der Glaube schafft Kampfbereitschaft und Einigkeit bis zum Märtyrertod. Denn: „Wer bereit ist, dafür zu sterben, der glaubt daran, wer nicht bereit ist, dafür zu sterben, der glaubt nicht daran.“

Die eigentliche Originalität des Konzepts Hitlers sieht Rainer Bucher im Versuch, „das Projekt der Moderne, also die Säkularisierung der Politik und der damit entstandenen Zivilgesellschaft, zu spalten, um es auf eigenem Feld mit eigenen Mitteln zu schlagen.“

 

 

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